Jeder Zentimeter eines Kaufhauses der Karstadt-Gruppe wird mit einer Videokamera gescannt. Die Verkaufsfläche weist eine Größe von 22 000 qm auf, die sich über sechs Etagen erstreckt.
Meist bewegt man sich mit einer bestimmten Intention durch ein Kaufhaus. Man möchte einen bestimmten Gegenstand erwerben. Der Weg durch diesen Raum wird von dieser Intention vorgegeben. Selbst wenn man sich, um einer unbestimmten Kauflust zu folgen, nicht konkret zielgerichtet durch die dargebotenen Waren bewegt, so folgt man doch einer momentanen, subjektiven Lust oder Inspiration. Jeder Käufer bewegt sich so auf einer mehr oder weniger langen und verschlungenen Linie. Das Arrangement der Waren in einem Kaufhaus ist so ausgerichtet, dass man in der Überfülle der Waren erst einmal Orientierung finden muss, um einen bestimmten Gegenstand, den man erwerben möchte, zu finden. So ist man visuell, bis man den gewünschten Gegenstand gefunden hat, ständig der nach werbepsychologischen Gesichtspunkten gestalteten Oberfläche der Waren ausgesetzt, wovon jede versucht, die maximale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ein visuelles Stimmengewirr ist die Folge, ein ungeheures Farben- und Formenspektakel.
Die gestaltete Oberfläche der Waren im Ganzen bildet die Schnittstelle zwischen Produzent und Konsument. Diese Oberfläche hat eine immense Flächenausdehnung und bildet einen höchst komplexen gefalteten Raum. Jede Verpackung transportiert eine mit der verborgenen Ware verkoppelte private Utopie, löst unterschiedlichste bewusste oder unbewusste Wunschvorstellungen aus, die mit dem Kauf befriedigt werden sollen, und erhält neben ihrer physikalischen Ausdehnung somit auch noch eine referenzielle Ausdehnung. So kann man auf einer jeden Produktoberfläche den darauf abgebildeten Zeichen und Bildern in unterschiedlichste Räume folgen, die je nach Zielgruppenprofil verschiedenartigste Glücksversprechen enthalten. Zählt man diese Vorstellungen und Wünsche erzeugenden Räume hinzu, so wird ein Kaufhaus zu einem unendlich vielschichtigen, wieder und wieder ineinander verschachtelten und gefalteten Gebilde.
Mit »Karstadt« wird versucht, diese physikalisch wie referenziell fraktal-artige Oberfläche komplett zu erfassen, zu entfalten und in die zeitliche Linearität des Mediums Film zu transformieren, um so ein mentales Bild dieses gefalteten Raumes zu erzeugen. Die Verkaufsfläche des in diesem Falle untersuchten Kaufhauses weist eine Größe von 22 000 qm auf, die sich über sechs Etagen erstreckt. In der Mitte einer jeden Etage befinden sich die Rolltreppen zu den darüber und darunterliegenden Stockwerken. Von der äußeren Grenze der Verkaufsfläche eines jeden Stockwerkes bewegt sich die Kamera spiralförmig bis zur Mitte, wobei jeder Gang zwischen den Warenregalen abgefahren wird. Dies geschieht auf jeder Etage auf vier verschiedenen Ebenen: kurz über dem Boden, in etwa ein Meter Höhe, in etwa 2.50 Meter Höhe und knapp unter der Decke, sodass mit einer gewissen Überlappung des aufgenommenen Bereichs die Gesamthöhe der Räume abgedeckt ist. So ergeben sich einzelne Kapitel in diesem acht zehnstündigen Film, die je nach Etage mit U (für Untergeschoss) /1; U/2; U/3; U/4; 1/1, 1/2 u.s.w. bezeichnet sind.
Bei der Kamerafahrt wurden die Umgebungsgeräusche aufgenommen. Dieses Klangmaterial ist später bei der Herstellung der Masterbänder mit einem Computer in Echtzeit bearbeitet worden. Das Prinzip der Klangumformung basiert, einfach ausgedrückt, darin, dass gewisse Resonanzen angehoben, andere unterdrückt werden. Dieser Algorithmus wurde bei dem gesamten Tonmaterial beibehalten. Durch diese Art der Klangumformung passiert es, dass bestimmte akustische Formen (z.B. Rauschen, Knacksen) so weit verfremdet werden, dass wir sie als »Musik« im herkömmlichen Sinn (Harmonik, Tonhöhe, Intervalle, Rhythmus) wahrnehmen. Doch bleiben auch viele Ereignisse (z.B. Sprache, Musik) nur soweit entfremdet, dass wir sie als solche noch erkennen, aber ihr eigentlicher Inhalt sich verschleiert. Die Realisation dieses Projektes erfolgte in Zusammenarbeit mit Jörg Lindenmaier, der Komposition an der Musikhochschule in Karlsruhe bei Wolfgang Rihm studierte.